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Kreuz und Nachfolge
Simon von Kyrene
In den Berichten von Jesu Passion und Kreuzigung gibt es eine Randfigur, die nur mit einem Satz erwähnt wird: Simon von Kyrene. Alles, was wir über ihn aus den Evangelien erfahren, lautet: „Sie zwangen einen, der vorüberging, mit Namen Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage“ (Mk 15,21). Er wird nur in den drei synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) erwähnt, Johannes kennt ihn nicht. Seine Volkszugehörigkeit ist schwer zu bestimmen, er stammt aus Kyrene, einer griechischen Kolonie im heutigen Ost-Libyen. Sein jüdischer Name und die Tatsache, dass es dort eine starke jüdische Gemeinde gab, lassen vermuten, dass er Jude war. Die kyrenischen Juden verfügten zudem über eine eigene Synagoge in Jerusalem. Andererseits trugen seine Söhne unjüdische Namen, was Anlass zu der Annahme gab, er sei mit einer Griechin oder Römerin verheiratet gewesen. Er selbst war ein einfacher Landarbeiter. Er befand sich auf dem Heimweg vom Feld, als ihn die Römer zwangen, Jesu Kreuz zu tragen.
Warum wählten die Römer gerade ihn aus? Zeigte er ein besonderes Mitgefühl für den geschundenen Jesus? Es gibt viele Vermutungen über diese in der Bibel nicht näher beschriebenen Umstände, die in der Kunst, der Literatur und im Film zum Ausdruck kommen. Pieter Bruegel d. Ä. zeigt auf seinem Bild „Die Kreuztragung Christi“ von 1564, wie die Frau des Simon ihren Mann von seiner Tat abhalten will und ihn zugleich gegen die römischen Soldaten verteidigt. Simon von Kyrene wird hier so dargestellt, als ob er einerseits gezwungen wird, sich aber andererseits angezogen fühlt, Jesus zu helfen. Eine ähnliche Interpretation bietet Mel Gibson in seinem umstrittenen Jesus-Film „Die Passion Christi“ (USA 2004). Als der Blick eines römischen Soldaten auf Simon fällt und er für das Tragen des Kreuzes ausgesucht wird, weigert er sich und verweist auf seinen Sohn, mit dem er unterwegs ist. Der Soldat lässt ihm keine Wahl und Simon muss Jesus helfen. Während des gemeinsamen Tragens wird Simon immer mehr in das Schicksal Jesu hineingezogen. Als Jesus erneut zusammenbricht und die Soldaten auf ihn einschlagen, wendet sich Simon gegen sie. Er weigert sich, das Kreuz weiter zu tragen, wenn sie nicht aufhören Jesus auszupeitschen.
Wie kommt man dazu, das Kreuz eines anderen zu tragen? „Sie zwangen einen, der vorüberging.“ Zufall und Zwang kann man aus dem biblischen Bericht lesen. Kein Wort aber von Mitgefühl. Simon von Kyrene hatte keine Wahl. Das, wozu er gezwungen wurde, hat ihn dennoch bekannt gemacht. Jemandes Kreuz zu
tragen, steht allgemein für die selbstlose Unterstützung eines Bedürftigen. Im angelsächsischen Raum gibt es karitative Organisationen, die Menschen am Rande der Gesellschaft helfen wollen und sich nach Simon von Kyrene
benannt haben (The Cyrenians). Die Mitgliedschaft in diesen Organisationen ist freiwillig. Was mit Simon von Kyrene nach der Kreuzigung geschehen ist, erzählt die Bibel nicht. Sein Sohn
Rufus ist mög-licherweise identisch mit dem Rufus, der den Apostel Paulus bei seinen Missionsreisen begleitet hat (vgl. Römer 16,13).
Nachfolge
Die Wendung „das Kreuz tragen“ begegnet uns an einer anderen zentralen Stelle im Neuen
Testament. Wenn Jesus in die Nachfolge ruft, fordert er den Menschen auf, sein Kreuz zu tragen: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mk 8,34). Nun geht es hier ausschließlich um das eigene Kreuz. Diesem Ruf in die Nachfolge geht in der Bibel eine Begebenheit voran, die für das Verständnis von Bedeutung ist. Als Jesus den Jüngern sein Leiden und seinen Tod ankündigt, will Petrus ihn von diesem Gedanken abbringen. Aber Jesus dreht sich um, bedroht Petrus und spricht: „Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist“. Hätte man das erwartet?
Petrus wird zum Satan erklärt, weil er das Menschlich-allzu-Menschliche will und nicht das, was göttlich ist. Was Gottes ist und was des Menschen ist, das bleibt immer ein Unterschied, auch wenn Gott Mensch geworden ist. Der Mensch ist zum Ebenbild Gottes geschaffen, wird aber mit seinen menschlichen Absichten wieder zu einem Ebenbild des Satans, wie es Martin Luther ausgedrückt hat.
In der christlichen Tradition hat man „Nachfolge“ oft so verstanden, sich selbst aufzugeben und bedingungslos für andere da zu sein. Aus einer menschlich-allzu-menschlichen Erwartung heraus sieht man die Nachfolge als eine Pflichtübung, um zur Ebenbildlichkeit Gottes zurückzugelangen. Nachfolge ist jedoch kein Zwang. Und: bevor sie den anderen in den Blick nimmt, fängt sie bei sich selbst an.
Petrus, der Vertreter der menschlichen Erwartung und Ziele wird in der Passionsgeschichte auch zum Vertreter der menschlichen Schwächen. Er nimmt den Mund voll und doch verleugnet er Jesus, als es für ihn gefährlich wird. „Ich kenne den Menschen nicht.“ ist seine Antwort an die, die ihn als den Verbündeten Jesu identifizieren. Entscheidet sich ein Mensch für die Nachfolge, so soll er diesen Satz zu sich selbst sprechen. Selbstverleugnung ermutigt, sich selbst nicht zu kennen. Man soll sich nicht kennen. Man darf das undurchdringliche Geheimnis des eigenen Seins auf sich beruhen lassen.
Was bleibt, wenn man die eigenen Ziele zurückstellt? Selbstverleugnung ist nicht Aufgabe des eigenen Ichs. Es verlangt Mut und innere Freiheit, von sich und seinen Erwartungen abzusehen und einen welt-fremden Weg zu gehen. Das ist das Kreuz, das man allein auf sich nimmt. Jesus geht voran.
André Kielbik
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